Der Gelbe Ball

aufgefangen von:
Frauke Mahr

Datum: Mai 2019

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Folge 17:

Jugendträume von Frauke Mahr waren Werbung und Journalismus, ganz bestimmt nicht Sozialpädagogik. Über einen Umweg kam sie dann doch zur Sozialpädagogik und studierte bis 1977 in Köln. Frauen- und mädchenpolitisch bewegt ist Frauke Mahr seit ihrem Studium. In dieser Zeit lernte sie die Frauenbewegung kennen und gründete in Köln das erste Frauenhaus der Bundesrepublik mit. Lange Zeit arbeitet sie in der Altenarbeit und merkt schnell, dass zu einer erfolgreichen Frauenpolitik ganz wichtig auch eine erfolgreiche Mädchenpolitik gehört. An dieser mangelte es allerdings stark.

So kam Sie dann zum Mädchenhaus Köln, der heutigen Lobby für Mädchen, ein Verein, der bis heute aus dem gesamten Spektrum der Kinder- und Jugendhilfe Hilfe- und Unterstützungsangebote für Mädchen und junge Frauen macht. Frauke Mahr tritt seit über 30 Jahren für die Interessen und Belange von Mädchen und jungen Frauen ein, sensibilisiert, bewegt Politik und leistet mit engagierten Kolleginnen ganz konkrete Unterstützung und Hilfe.

Frau Mahr, Sie haben den gelben Ball von Herrn Lehmann zugespielt bekommen. Er schätze Ihre Arbeit sehr, da Sie sich sehr stark für das Empowerment von Mädchen einsetzen, Schutzräume für Mädchen bieten und zudem eine sehr gute politische Öffentlichkeitsarbeit machen. Er möchte von Ihnen wissen, wie aus Ihrer Sicht die Politik den Schutz gerade von Mädchen und jungen Frauen stärken kann und auf welche gesetzlichen Lücken Sie als Expertin in Ihrer täglichen Arbeit stoßen?

Mein Wunsch an die Politik geht aktuell weniger in die Richtung von neuen gesetzlichen Regelungen, sondern ich würde sagen, dass es im Kinder- und Jugendhilfegesetz genügend Material gibt, mit dem wir arbeiten können. Nicht nur, um den Gleichstellungsgedanken umzusetzen sondern auch um Mädchen und Jungen zu fördern und ihren Bedarfen und Bedürfnissen zu entsprechen. Es geht vielmehr darum, diese gesetzlichen Regelungen umzusetzen und mit Geld im Sinne einer langfristigen Arbeit auszustatten. Pädagogische Arbeit ist eine Beziehungsarbeit und um gute und tragfähige Grundlagen, in unserem Fall mit und für Mädchen aufzubauen, bedarf es wirklich einer dauerhaften pädagogischen Arbeit und nicht hier eines Projekts und da eines Projekts. Und deswegen finde ich, dass Politik mehr Geld für die Jugendarbeit geben müsste und Politik sollte sich mehr den Fachverstand, den Träger haben, holen. Wenn man sieht, wieviel Geld zum Teil für Beratungsgesellschaften rausgeschmissen wird, die ein hohes materielles Eigeninteresse haben, geht es mir darum nicht. Mein Interesse ist es, dass das Fachwissen, was über lange Jahre durch die konkrete Arbeit und theoretische Auseinandersetzung erworben wurde, mehr abgefragt wird.
Ich merke auch, dass in der Politik immer noch ein großer Lern- und Fortbildungsbedarf da ist. Unlängst wurde hier eine Kampagne für Fahrradhelme auf den Weg gebracht, die eine junge Frau in Spitzenunterwäsche zeigte. Da wünsche ich mehr Reflektion und Sensibilität dafür, wie solchen medialen Bilder auf Mädchen und Jungen wirken und welche Verantwortung Politik in diesem Zusammenhang auch hat.

Worin sehen Sie noch ein wichtiges Thema oder eine Entwicklung im Kinderschutz?

Grundsätzlich geht es immer darum, sich die Lebenslagen und Belange von Mädchen und jungen Frauen anzuschauen und sich zu fragen, was vor diesem Hintergrund aktuell Not tut. Diese Herangehensweise muss zu einer Selbstverständlichkeit werden. Wir müssen dies in einer konstanten, qualifizierten und reflektierten Weise tun und dann konkrete Angebote bereit stellen. Nach den Anfängen der sogenannten Mädchenhausbewegung, in deren Rahmen sich überhaupt erst mit den Belangen von Mädchen auseinander gesetzt wurde, hat es eine Zeit gegeben, in der man den Eindruck hatte, jetzt passiert etwas. Und dann kam eine lange Phase wo dann gesagt wurde, jetzt ist aber genug, jetzt sind endlich mal die Jungen dran. Da wurde nicht differenziert hingeschaut, was Jungen bekommen. Da wurde nicht reflektiert, an wen den unbewusst gedacht wurde, wenn von Jugend die Rede war. Das waren nach wie vor nicht die Mädchen. Und enzwischen habe ich den Eindruck, dass es doch vermehrt Leute in der Fachverwaltung als auch bei den freien Trägern gibt, die tatsächlich sehen, dass beides Not tut, also eine konsequente und parteiliche Mädchenarbeit und eine reflektierte Jungenarbeit. Ich finde, dass den Jungen immer sehr viel vorenthalten wird, weil es nicht genügend Pädagogen gibt, die sich mit ihrer eigenen Rolle differenziert auseinander setzen. Und das gehört immer dazu, wenn ich geschlechtsspezifisch arbeite. Und aus meiner Sicht muss da auf beiden Seiten etwas passieren, damit wir gute Arbeit leisten können und punktuell eben auch Angebote zusammen machen können.

Aktuell müssten wir für den Bereich der Mädchenarbeit speziell auch schauen, was Mädchen und jungen Frauen, die mit oder ohne Familie nach Deutschland gekommen sind, brauchen. Also konkret geht es um Mädchen und junge Frauen aus Flüchtlingsfamilien. Wir müssten auch sehr viel stärker auf Mädchen und Frauen mit Behinderung schauen. Wer sich damit befasst weiß, wie oft gerade diese Mädchen und Frauen Opfer von Gewalt und zwar jeder Form von Gewalt, psychischer und auch sexualisierter Gewalt werden. Und auch da muss sehr viel mehr vom Vater Staat gegeben werden, damit Konzepte entwickelt werden können und damit diese Konzepte langfristig umgesetzt werden können, um Mädchen und junge Frauen zu unterstützen.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus? Was können Sie selbst für einen besseren Kinderschutz beitragen?

Wir haben Projekte laufen, in denen wir mit Mädchen aus Flüchtlingsfamilien arbeiten. Das heißt wir haben eine Mitarbeiterin, die speziell in diesem Bereich tätig ist und in Köln in die Einrichtungen und Unterbringungen gegangen ist, die Eltern und die Mädchen kennengelernt hat und durch diesen Kontakt den Eltern auch möglich gemacht hat, ihre Töchter ein Stück gehen zu lassen. Da geht es zum einen darum, dass die Mädchen vor einem kulturellen Hintergrund familiäre Einschränkungen erleben, zum anderen geht es aber auch darum, dass Eltern ihre Töchter vor weiteren Gewalterfahrungen und traumatischen Erfahrungen schützen wollen. Und unser Angebot ist es, in die Einrichtungen zu gehen und auch dann in Kontakt zu bleiben, wenn die Familie tatsächlich aus einer Unterkunft in eine eigene Wohnung ausziehen kann. Es geht darum, denn Mädchen zu ermöglichen, das, was es an Jugendhilfeangeboten in Köln gibt, kennenzulernen, sich überhaupt eigenständig in der Stadt zu bewegen und ihnen zu helfen, ihre Rechte kennenzulernen. Wir laden sie zum Beispiel in unser Mädchenzentrum ein, wo sie anderen Mädchen begegnen können und anfangen können, sich ein Stück weit Leben hier zu erobern.

Zum Thema Mädchen mit Beeinträchtigungen bauen wir unsere Präventionsarbeit gerade sehr stark in diesem Bereich aus. Wir haben mit Regel- und Förderschulen hier in Köln Kooperationsverträge abgeschlossen. Bei den Förderschulen geht es zum Beispiel um Mädchen mit geistiger Behinderung. Die Mädchen kommen dann zu uns und sollen ebenfalls unsere thematisch sehr unterschiedlichen Präventionsangebote nutzen können. Da lernen wir gerade selber. Denn jetzt müssen wir schauen, wie wir das, was wir mit Mädchen anderer Schultypen machen, so gestalten, dass es auch für diese Mädchen interessant, spannend und gewinnbringend ist. Da sind wir in der Tat mit den Mädchen, den Schulen, den Schulsozialarbeiterinnen, Lehrerinnen und Lehrern in einem Lernprozess. Es geht wirklich darum, unsere Präventionsarbeit speziell auf diese Zielgruppe auszuweiten. Und da müssen wir viele unterschiedliche Konzepte machen, weil es in der Tat ein Unterschied ist, ob ich mit Mädchen mit Hörbehinderung oder mit Mädchen mit einem Förderbedarf geistige Entwicklung arbeite. Die Arbeit ist sehr vielfältig und facettenreich, und wir sind da sehr eifrig dran.

Was war rückblickend ein besonderes Ereignis in Ihrer Arbeit?

Mir fallen da in der Tat drei Sachen ein. Als ich noch Studentin war und wir hier das Frauenhaus in Köln gegründet haben, war eine Mutter mit mehren Kindern bei uns. Das war wirklich eine wilde Brut. Die dreizehnjährige Tochter wurde immer stiller und immer dicker. Und wir haben am Anfang gar nicht geschaltet. Sie war von ihrem Stiefvater über lange Zeit vergewaltigt wurden und war inzwischen schwanger. Die Mutter des Mädchens hat dann sehr viel Druck ausgeübt und so wurde das Baby sofort nach der Geburt zur Adoption frei gegeben. Das war für die Tochter schlimm. Dieses Erlebnis ist jetzt weiter über vierzig Jahre her und doch bleibt sowas hängen.

Ein wirklich schönes Ereignis, an was ich mich gerne zurück erinnere, war, als ich einmal unsere Arbeit in einem Frauenzusammenhang mit vielen Frauen gemischten Alters vorgestellt habe. Ich erzählte von unserer Arbeit und davon, dass das Thema sexualisierte Gewalt in den ersten zwölf Jahren der Lobby für Mädchen massives Beratungsthema war. Und dann meldete sich eine Frau zu Wort und fragte, ob denn der Missbrauch nicht auch oft erfunden würde. Diese falsche Vorstellung ist oft vorhanden, ganz oft, und zum Glück wurde sie in diesem Zusammenhang ausgesprochen, war auf dem Tisch und wir konnten uns offen damit auseinandersetzen. Besser, als wenn es nur gedacht, aber nicht ausgesprochen wird. Dann kommen wir ja nicht weiter. Das gab ich der Frau so auch als Rückmeldung. Und als ich das gesagt hatte, stand eine damals schon recht alte, ganz zierliche und kleine Frau auf und erzählte in dieser Runde zum ersten Mal überhaupt von ihren Missbrauchserfahrungen durch einen Lehrer und das sie heute immer denkt, dass ihr Leben anders verlaufen wäre, hätte es damals solche Anlaufstellen für Mädchen und Frauen wie Lobby für Mädchen gegeben. Mit dieser Dame bin ich heute auch noch in Kontakt.

Und das dritte ist etwas, was hier auch den Kolleginnen häufig passiert und wo ich sage, das macht mich immer so wütend. Ich hatte ein Interview für eine Schulzeitung gegeben. Und was ich da erlebte, passiert sonst immer in den Präventionsveranstaltungen. Und den Mädchen, die dieses Interview führten, war sehr wichtig zu betonen, dass sie ganz emanzipiert und frei seien und niemand sie unterdrücke. Und ich sagte ihnen, dass ich das klasse finde, denn genau so soll es sein. Und als sie dann merkten, dass sie, nur weil sie hier sind, nicht automatisch gesagt bekommen, dass sie arme und unterdrückte Wesen sind, kamen sie dann doch mit Sachen, die sie störten. Und sie erzählten, dass sie im Schulalltag von Klassenkameraden dumm angesprochen werden oder auch körperlich angegangen werden und wenn sie darüber dann Beschwerde führen, sie ganz oft von Lehrern und Lehrerinnen zu hören bekommen, dass die Jungen das nicht so meinen oder das Jungs eben so seien. Und immer wenn ich sowas höre denke ich, dass da gerade ein großes Unrecht geschieht. Sowohl gegenüber den Mädchen, denen dann beigebracht wird – und mit siebzehn, achtzehn Jahren sitzt das dann fest – so sind Jungen. Aber genau den Jungen gegenüber, denn kein Junge ist so. Und das finde ich für die Arbeit hier in der Tat am wichtigsten, wie sehr Mädchen auch heute im Jahr 2019 noch beigebracht bekommen, mit Übergriffen duldend und verständnisvoll umzugehen, anstelle zu sagen, das geht so nicht. Jungen sind eben so ist ein Satz den Mädchen lernen und das macht mich total sauer.

Was sind Ihre Visionen in Bezug auf den Kinderschutz und Ihre Arbeit?

Ein Wunsch oder eine Vision von mir ist, dass das, was gesetzlich geregelt ist, sehr viel mehr umgesetzt wird. Und für alles, was da gemacht werden soll braucht man im Grund Regularien oder Prüfstellen für Verfahrensfragen. Und eine gute Möglichkeit, in diesem Sinne zu arbeiten, ist die Einrichtung eines Fachbeirates für Mädchenarbeit. Das ist ein kommunales Steuerungselement in der Jugendarbeit. Ich bin zusammen mit anderen bereits im dritten Jahr hier in Köln aktiv um einen solchen Fachbeirat zu installieren. In Bielefeld gibt es einen, der prima läuft. Meine Vision und meine Hoffnung ist es, dass wir es hier in Köln zusammen mit der Verwaltung im Jugendamt schaffen, solch ein Steuerungselement zu installieren. Das ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Weg, um Jugendarbeit und Jugendhilfe zu überprüfen, zu befeuern, anzuregen und gleichzeitig in einer strukturierten Weise die Belange und Lebenslagen von Mädchen und jungen Frauen aufs Tapet zu bringen.

Für die Lobby selbst sind wir gerade dabei, ein zweites Mädchenzentrum aufzubauen, was Beratung, offene Jugendarbeit und Präventionsarbeit integriert und gleichzeitig einen Fokus auf Mädchen mit Zuwanderungshintergrund hat. Im Grunde genommen müsste es in einer so großen Stadt wie Köln mehr als zwei Mädchenzentren geben und die interkulturelle Arbeit muss als Querschnittsthema durchweg mitgedacht werden. Anders kann es gar nicht funktionieren. Und ich hoffe, dass wir in diesem Jahr die passende Immobilie dafür finden. Die Voraussetzungen sind gut, wir sind uns mit der Fachverwaltung einig, die Politik steht hinter uns und jetzt brauchen wir nur noch ein Stück Glück.

Frauke Mahr spielt den gelben Ball an Dagmar Ziege, Mitarbeiterin des Stadtsportbundes Köln, weiter. Frau Mahr schätzt die herausragende Arbeit von Frau Ziege, die schon lange für die Themen „Frauen im Sport“ und gegen „sexualisierter Gewalt im Breitensport“ engagiert.

Frau Mahr möchte von Frau Ziege wissen:

Wie geht der Stadtsportbund gegen sexualisierte Gewalt im Sport vor und welche Herausforderung sehen Sie in der Thematisierung sexualisierter Gewalt im Sport?

Sie wollen das Interview mit Frau Ziege nicht verpassen? Dann melden Sie sich hier für unseren kostenlosen Info-Service an.


Interview:
Jenny Troalic, Start gGmbH

Foto:
Jenny Troalic, Start gGmbH

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