Der Gelbe Ball

aufgefangen von:
Martin Mehner & Ulrike Aust

Datum: Dezember 2014

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Folge 11:

Ulrike Aust arbeitet seit 15 Jahren in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle Prenzlau, zwischenzeitlich war sie auch an anderen Standorten tätig, wie z.B. in Templin. Sie ist 46 Jahre alt, verheiratet und hat 3 Kinder. Als Sozialpädagogin und systemische Familientherapeutin berät sie Eltern, Familien und Paare mit Kindern, sowie Fachkräfte in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Berufsbegleitend studiert Ulrike Aust derzeit auch noch Psychologie. Gemeinsam mit Herrn Mehner ist sie eine wichtige Ansprechpartnerin zu Fragen im Kinderschutz im Landkreis Uckermark.
Martin Mehner ist Diplom – Psychologe, Gestalttherapeut und ebenfalls systemisch ausgebildet. Auch er  ist 46 Jahre alt, verheiratet und hat 3 Kinder.  Die erste Frage dazu wird gleich lachend beantwortet: „Nein, wir sind kein Ehepaar, aber das werden wir manchmal auch von Klienten gefragt.“

Doch seit fast 15 Jahren arbeiten Frau Aust und Herr Mehner eng zusammen und führen viele Eltern- und Paarberatungen gemeinsam durch. Das hat sich als sehr sinnvoll erwiesen. Die Mann-Frau Beratungskonstellation wird von vielen Eltern  als entlastend und vertrauensbildend angenommen. Außerdem machen Ulrike Aust und Martin Mehner in ihrer Freizeit gemeinsam Musik, in dem legendären Uckermärkischen Folkorchester (UFO). Mit Balkanmusik, Polka, Kreis- und Gassenmusik motivieren Sie hier auch Menschen, nur diesmal zum Tanzen.

Ab 2015 wird Herr Mehner als Gestalttherapeut in eigener Praxis arbeiten und die Erziehungs- und Familienberatungsstelle verlassen.

Er hat aber die Arbeit der Erziehungs- und Familienberatung mit seinen KollegenInnen mitgeprägt. Deshalb möchten wir hier noch einmal beide Familienberater in ihrer Zusammenarbeit vorstellen.

Frau Aust, Herr Mehner, Sie bekamen den Ball zugespielt von Anke Heiden, Schulleiterin der Aktiven Naturschule Prenzlau, die Sie als wichtige und vertrauensvolle BeraterInnen u.a. in Sachen Kinderschutz erlebt.  Die Lehrer und Sozialpädagogen der Freien Schule fühlen sich durch verschiedene Fortbildungen zu spezifischen Themen und Einzelberatungen bei Bedarf von Ihnen sehr gut begleitet und empfehlen die EFB auch an die Eltern weiter, wenn diese Unterstützung suchen. Was macht Ihre Arbeit aus?

Wir sind eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle und damit Ansprechpartner für alle Eltern   oder Bezugspersonen und ihre Kinder, die sich Unterstützung oder Beratung wünschen.  Anlass für eine erste Beratung ist oft, dass das Zusammenspiel in Familien so nicht mehr funktioniert, Konflikte zwischen den Eltern oder Verhaltensauffälligkeiten der Kinder, Schulschwierigkeiten, Lernprobleme oder auch psychosomatische Symptome, die den Eltern Sorgen machen oder sie überfordern. Die Eltern werden oft über das Jugendamt zu uns geschickt oder z.B. auf Empfehlung von Ärzten, Schulpsychologen oder Schule, manchmal auch als Auflage von Gerichten. Das ist aber nicht Voraussetzung. Viele Eltern kommen ohne Auflage oder Empfehlung direkt zu uns und können das antragsfreie Angebot bis zu 20 Beratungen nutzen. Dass die Erziehungs- und Familienberatungsstelle als freier Träger nicht an das Jugendamt angegliedert ist, kann hier manchmal von Vorteil sein und möglichen Ängsten entgegenwirken. Der Fokus in unserer Arbeit ist immer auf die Kinder gerichtet. Das Ziel unserer Arbeit ist, dass es den Kindern gut geht.  In diesem Sinne sind auch  Paarberatungen ein großer Bestandteil unserer Arbeit. Denn wenn Elternpaare gut harmonieren, wirkt sich das positiv auf ihre Kinder aus. Über die Elternberatung hinaus, beraten wir auch Fachkräfte und Mitarbeiter von Einrichtungen, die mit Kindern arbeiten oder sie betreuen. Unsere Angebote sind hier Supervision und fachliche Beratungen zu Erziehungsthemen, Verhaltensauffälligkeiten oder Verdacht auf Kindeswohlgefährdung. Hier sind wir als  insoweit erfahrene Fachkräfte im Kinderschutz qualifiziert und führen andere Fachkräfte entsprechend der Qualitätsrichtlinien durch das Verfahren.  Außerdem bieten wir Fortbildungen zu verschiedenen Themen und immer mit einem präventiven Ansatz an.

Unsere enge Zusammenarbeit in der Beratung erweist sich nicht nur in der Paarberatung als vorteilhaft, auch jugendliche Klienten, die zu uns in die Beratungsstelle kommen, finden hier entsprechend ihrer Bedürfnisse, dort wo sie vielleicht zu kurz gekommen sind, väterliche oder mütterliche Aspekte. So kann ein Beratungssetting auch mal so aussehen, dass wir gemeinsam etwas kochen, um eine angenehme und nicht so problemfokussierte Atmosphäre zu schaffen. Der Vertrauensaufbau, dass sich Klienten angenommen  und in ihren Stärken wahrgenommen fühlen, ist für uns eine absolute Grundvoraussetzung, um später auch provokative Fragen zu stellen.

 

Wo sehen Sie allgemein eine wichtige Entwicklung oder ein Thema im Kinderschutz?

Bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung im Rahmen unserer Beratungstätigkeit gibt es einen festgelegten Leitfaden bei unserem Träger nach dem wir verfahren. Demnach findet ein erster fachlicher Austausch mit den Kollegen statt. Beim Hinzuziehen einer insoweit erfahrenen Fachkraft wenden wir uns an ein anderes Team innerhalb unseres Trägers, z.B. in Schwedt, Angermünde oder Templin, um die Metaebene oder den sachlichen Außenblick zu gewährleisten. Wir arbeiten sehr gut zusammen.

In jedem Fall steht für uns generell die Frage, was wir selbst bearbeiten können und wie wir  Veränderungen zum Wohl des Kindes gemeinsam mit den Eltern herbeiführen können, bevor wir uns an das Jugendamt wenden. Das Vertrauen, welches wir mit den Eltern oft aufgebaut haben, ist eine wertvolle Ressource für einen Veränderungsprozess und für die Zusammenarbeit mit Familien, welche wir wirkungsvoll einsetzen können. Dabei ist unser Leitgedanke, auch in sehr schwierigen Situationen, die Ressourcen der Eltern offen zu legen und für Lösungswege nutzbar zu machen. Wir gehen davon aus, dass alle Menschen Ressourcen in sich tragen, manchmal sind sie nur verschüttet.

In unserer langjährigen Beratungstätigkeit hat sich die Erfahrung, dass Wertschätzung, Respekt und das Hervorheben von Stärken am ehesten positive Veränderungsschritte bewirken, immer wieder bestätigt. Eine ressourcenorientierte Grundhaltung ist deshalb aus unserer Sicht ein wichtiges Thema im Kinderschutz. Im Rahmen des Kinderschutzverfahrens wird natürlich vorher geprüft, ob eine akute Gefahr für das Wohl des Kindes abgewendet ist und alle notwendigen Hilfemaßnahmen eingeleitet sind.

Ein wichtiges Thema, auch für die Entwicklung im Kinderschutz, sind die präventiven Angebote. Familien in schwierigen Situationen zu unterstützen, Risiken rechtzeitig zu erkennen und Eltern in ihrer Bindung zum Kind und in den Erziehungsaufgaben zu stärken, kann möglichen Krisen und Kindeswohlgefährdung rechtzeitig entgegen wirken.

 

Was können Sie dafür beitragen? Welche Möglichkeiten des präventiven Kinderschutzes hat die Erziehungs- und Familienberatungsstelle?

Unsere Fortbildungsangebote für Fachkräfte planen und organisieren wir gemeinsam mit dem regionalen Arbeitskreis Kinder- und Jugendschutz. Diese zielen auf Prävention ab. Die Fachkräfte sollen sensibilisiert werden, Risiken und Unterstützungsbedarfe rechtzeitig zu erkennen und handeln zu können. Das Angebot umfasst außerdem Präventionsprojekte mit  Kindern und Jugendlichen an Schulen oder auch in unseren Räumen zu verschiedenen Themen und immer mit dem Ziel, die Kinder in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken und sich somit besser schützen zu können.

Wir kooperieren zu spezifischen Themen auch mit anderen Experten. Unsere Arbeit macht aber auch aus, dass wir mit allen Themen umgehen müssen. Es ist nicht möglich, Themen wie sexueller Missbrauch abzuspalten, alles ist viel zu komplex. Bei Bedarf können wir die Kollegen z. B. von Kind im Zentrum in Berlin also nur von außen zu speziellen Themen mit einbeziehen, was wir in manchen Fällen auch nutzen. Weitere Möglichkeiten des präventiven Kinderschutzes sehen wir in dem Netzwerk  Frühe Hilfen, welches weiter ausgebaut werden könnte. Wir haben hier Zugang über den Arbeitskreis Kinder-und Jugendschutz, in dem die Frühen Hilfen mit ihren Themen mit einfließen. Die Idee des Einsatzes von Familienhebammen finden wir sehr sinnvoll, gern würden wir dieses Angebot hier mit anbieten. Auch mit den Paten vom Netzwerk Gesunde Kinder stehen wir gut in Kontakt und sehen hier ein wirkungsvolles Angebot für manche Familie. Wichtig ist es, auch die Familien mit über 3 jährigen Kindern mit präventiven Entlastungsangeboten zu versorgen, denn dort hören die Frühen Hilfen auf und oft steht die Frage , wie geht es weiter?

Genau aus diesem Grund haben wir ein Projekt „Verlässliche Dritte“ ins Leben gerufen, bei dem wir Ehrenamtliche betreuen, die sich um Kinder von suchtbelasteten oder psychisch kranken Eltern kümmern.

Insgesamt sind wir in der Trägerlandschaft im Landkreis Uckermark gut vernetzt und selbst auch gut bekannt. An dieser Stelle möchten wir auch noch unser „hauseigenes“ Netzwerk erwähnen, was sich als hilfreiches Konzept bewährt hat. So können durch die räumliche und persönliche Nähe unserer fachspezifischen Beratungsangebote (Suchtberatung, und die Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung) schnell und unbürokratisch Klienten rechtzeitig „aufgefangen“ werden. Das funktioniert hier sehr gut.

 

Gibt es ein besonderes Ereignis in Ihrer Arbeit, an welches Sie sich gern zurück erinnern? 

Da gibt immer wieder diese schönen und besonderen Momente in unserer Arbeit, berichten Frau Aust und Herr Mehner.

Dann erzählt Herr Mehner: “ Gut ein Beispiel. Kürzlich kam ein junger Mann  in meine Beratung, gemeinsam mit seiner Freundin. Er sagte, dass er  schon früher als Kind in meiner Beratung war, …und das sagt doch etwas aus, dass es ihm etwas gebracht hat. Da freut man sich einfach. Und solche Momente habe ich immer wieder erlebt. Außerdem gefallen mir die Momente, wo man dem Klienten im Lebenskontext begegnen kann. Zum Beispiel hat mich ein Jugendlicher mal gefragt, ob ich ihm ein paar Gitarrengriffe beibringen kann. Das hat unsere Beziehung gestärkt und auch ihn selbst. Auf diese Weise kann man manchmal mehr erreichen, als durch Fragen.

Frau Aust bestätigt diese besonderen Momente. „ Ja, ich hatte auch Klienten, die sich nach langer Zeit und als Erwachsene wieder gemeldet haben. Manchmal trifft man jemanden auf der Straße nach vielen Jahren und sie erinnern sich.“

Frau Aust beschreibt auch die schönen Momente im aktuellen Beratungskontext.

„Oft gehen wir aus dem Beratungsräumen raus. So war ich neulich mit einem Kind auf dem Spielplatz und das Kind zeigte so viel Freude und hat es mir gegenüber auch ausgesprochen. Das Kind war glücklich und ich war es auch, das Wissen, man macht die richtige Arbeit.“

Herr Mehner stimmt nickend zu, “ Ja, es ist das Leuchten in den Augen. Zu beobachten, wie aus kleinen Unterschieden große Veränderungen werden können, fasziniert mich immer wieder.

Frau Aust: „Ich habe auch eine hypnotherapeutische Ausbildung „Zaubern mit Kindern“, da wird dieses systemische Grundprinzip sehr offenbart.“

 

Ein Blick in die Zukunft: Was wünschen Sie sich für die Kinderschutzarbeit? Welche Wünsche oder Visionen haben Sie?

Herr Mehner: Es gibt viele sinnvolle Angebote und auch eine gute Vernetzung im Landkreis Uckermark. Was ich mir wünschen würde, ist, dass sich eine ressourcenorientierte, wertschätzende Haltung gegenüber Familien und besonders gegenüber Kindern und Jugendlichen viel mehr verbreitet und selbstverständlich wird. Und damit auch die Erfahrung, dass man nur so etwas bewirken kann. Oft ist es schon vorhanden, aber ich würde es mir noch mehr wünschen. Vor allem für die Kinder und Jugendlichen, denen die Eltern das aus verschiedenen Gründen nicht geben konnten.

Frau Aust: „Ja, dazu gehört Beziehungsarbeit und Wertfreiheit, d.h. ein Kind so anzunehmen, wie es ist. Und so ist es leider nicht immer. Beziehungsarbeit und Ressourcenorientierung als Voraussetzung bevor überhaupt Veränderungen stattfinden können, sind aus unserem systemischen Blickwinkel die Grundlage unserer Arbeit.

 

Nächste Folge

 

Frau Aust und Herr Mehner spielen den gelben Ball weiter an Günter Baaske, Minister für Bildung, Jugend und Sport im Land Brandenburg weiter, weil sie sich von ihm einen ressortübergreifenden Blick auf die Themen Jugendhilfe und Suchthilfe wünschen.

Frau Aust und Herr Mehner wollen von Herrn Baaske  wissen:

Wie er sich die zukünftige Weiterentwicklung der Kooperation von Jugend- und Suchthilfe im Land Brandenburg vorstellt.

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Interview:
Jeanette Schmieder, Start gGmbH

Foto:
Eugen Bode, bodegrafie

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