Der Gelbe Ball

aufgefangen von:
Frauke Frehse-Sevran

Datum: Januar 2013

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Folge 5:

Frauke Frehse-Sevran weiß: „Krisenwohnung bedeutet Inobhutnahme, da ist Kinderschutz ein ständiges Thema.“ Deshalb hat die Leiterin vom Jugendhilfeverbund Potsdam ihre Kollegin aus der Krisenwohnung, Jacqueline Malik, zum Gespräch dazu gebeten. Ilka Gropler, Stellvertreterin von Frauke Frehse-Sevran, komplettierte die Runde.

Der Jugendhilfeverbund Potsdam ist eine Einrichtung der GFB – Gemeinnützige Gesellschaft zur Förderung Brandenburger Kinder und Jugendlicher mbH und breit aufgestellt. So gibt es hier neben der Krisenwohnung noch weitere Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, wie z. B. Erziehungsberatungsstelle, Schulsozialarbeit, Jugendclubarbeit, Tagesgruppe, Flexible Hilfen, Wohngruppen und eine Kita.

Frauke Frehse-Sevran (im Bild links) leitet den Jugendhilfeverbund Potsdam seit 1994. Die ausgebildete Biologielaborantin wechselte Ende der 80er Jahre in die Sozialarbeit. In Berlin betreute sie zunächst obdachlose Jugendliche und junge Erwachsene und baute für die Treberhilfe einen Treberladen im Bezirk Wedding auf. „Heute mag das komisch klingen, aber damals hat mir die Arbeit dort sehr gefallen“, sagt sie in Anspielung auf die „Maserati-Affäre“ des Treberhilfe-Gründers Harald Ehlert.

Jacqueline Malik (im Bild rechts) ist stellvertretende Teamleiterin der Krisenwohnung. Im ersten Beruf hat auch sie etwas anderes gelernt – Krankenschwester – dann ein Sozialpädagogik-Studium draufgesattelt und zunächst mit straffällig gewordenen und haftentlassenen Menschen gearbeitet. Zum Jugendhilfeverbund kam sie 2002, wo sie von Beginn an im Krisenbereich arbeitet.

Ilka Gropler war vor der Wende in der Volksbildung tätig. Danach betreute sie kurze Zeit Selbsthilfegruppen im Bereich Chronisch Kranke und Senioren. Zum Jugendhilfeverbund kam sie 1993. Als Praktikantin. Seit dem hat sie in fast allen Bereichen des Trägers Station gemacht und nach und nach Leitungsaufgaben übernommen. Heute ist sie stellvertretende Einrichtungsleiterin und verantwortlich für die teilstationären und stationären Bereiche.

 

Sie bekamen den Gelben Ball von Andreas Hilliger, Abteilungsleiter im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (MBJS), zugespielt mit folgender Frage: „Wie gehen Kinder, die schwere Misshandlungserfahrungen machen mussten, mit dieser Beschädigung ihres Lebens um und wie kann man ihnen helfen?“

Jacqueline Malik: Das ist sehr schwierig zu verallgemeinern. Die Kinder und Jugendlichen, die zu uns in die Krisenwohnung kommen, zeigen ganz unterschiedliches Verhalten. Es gibt die Kinder, die ihre Erlebnisse verdrängen, was dann vielleicht auf traumatisiertes Verhalten schließen lässt… Ich habe den Eindruck, die Kinder und Jugendlichen nutzen die Zeit bei uns, um zur Ruhe zu kommen. Es ist eher selten, dass sie von selbst beginnen, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Manchmal ist das für uns schwer auszuhalten und die Balance hinzukriegen: nicht zu drängen, sondern dem Kind Zeit zu lassen. Wenn wir zum Beispiel überzeugt sind, dass ein Kind therapiebedürftig ist, versuchen wir trotzdem einen Weg zu finden, der noch eine selbstmotivierte Therapie zulässt.

 

Wie lange sind die Kinder und Jugendlichen bei ihnen?

Jacqueline Malik: Bei uns in der Kriseneinrichtung sind die Jungen und Mädchen maximal drei Monate. In dieser Zeit versuchen wir, eine Perspektive zu erarbeiten: Welche Unterstützung braucht das Kind bzw. der Jugendliche und seine Eltern? Wir leiten unsere Empfehlung dann weiter an die zuständigen Stellen. Den Anspruch, dass wir in diesen drei Monaten „reparieren“, haben wir nicht. Aber wir finden zumindest einen Ansatz, wie es für das Kind danach weitergehen kann.

 

Wo sehen Sie das aktuell wichtigste Thema im Kinderschutz?

Frauke Frehse-Sevran: Ich beschäftige mich zurzeit intensiv mit dem Bundeskinderschutzgesetz und dessen Folgen für unsere Arbeit. Ich finde gut, dass so breit über Kinderschutz diskutiert wird, doch ich beobachte die Debatte auch mit großer Sorge. Ich habe oft den Eindruck, dass Fachkräfte, da nehme ich uns nicht raus, zunehmend damit beschäftigt sind, sich selbst zu schützen: Das wir ja nichts übersehen, keine Fehler machen, uns gegen Schuldzuweisungen absichern. – Dieser Formalismus – das Paradebeispiel ist wohl der umfangreiche Kinderschutzbogen, der in Stuttgart ausgefüllt werden muss – führt zu einem reinen Abarbeiten. Das zwischenmenschliche in unserer Arbeit läuft so Gefahr, hinten runterzufallen. Als Leiterin bin ich verantwortlich, die gesetzlichen Neuregelungen in meiner Einrichtung umzusetzen, allein auch um meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen. Aber gleichzeitig müssen und wollen wir doch auch noch mit den Kindern und deren Eltern arbeiten!

 

Was bedeutet das für die Praxis? Spüren Sie diesen Spagat auch in Ihrer täglichen Arbeit?

Jacqueline Malik: Ja. Wir haben natürlich auch schon früher mit Dokumentation und standardisierten Verfahren gearbeitet. Aber jetzt habe ich den Eindruck, dass wir stärker unter Druck stehen, etwas zu übersehen. Unsere Arbeit hat sich nicht verändert, auch unser Blick auf die Kinder und Jugendlichen hat sich nicht verändert. Doch bei der Arbeit mit Checklisten hat man immer auch das Gefühl, etwas „abzuarbeiten“. Dokumentation ist zweifellos wichtig, aber sie nimmt sehr, sehr viel Raum ein. Das ist Zeit, wo man nicht am Kind ist.

Ilka Gropler: Das ist auch mein Eindruck. Es gibt Situationen, wo wir an die Grenzen unserer Arbeitskraft kommen und gern mehr Zeit in die Betreuungsarbeit investieren würden. Denn die Kennziffern ändern sich ja nicht. Die Kunst ist, den Spagat hinzukriegen zwischen Dokumentationsaufgaben und individueller Arbeit am Kind. Das wird immer schwieriger.

 

Wie reagieren Sie darauf in Ihrer täglichen Arbeit?

Frauke Frehse-Sevran: Als Leiterin sehe ich eine meiner wichtigsten Aufgaben darin, meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Sicherheit zu geben. Ich möchte verhindern, dass sie das Gefühl haben, dass ihnen jederzeit etwas um die Ohren fliegen kann, wenn sie mal doch etwas übersehen. So haben wir zum Beispiel für den Bereich Familienhilfe einen Leitfaden entwickelt, der überschaubar ist, also noch genügend Zeit für die Arbeit mit dem Kind lässt und gleichzeitig die Mitarbeiter absichert. So, hoffe ich, kriegen wir ein gutes Gleichgewicht hin.

Jacqueline Malik: Wir versichern uns immer wieder im Team und tauschen regelmäßig Informationen aus. Checklisten stehen in der alltäglichen Arbeit nicht im Vordergrund, sondern wir dokumentieren alles, was wir in der Familie und am Kind bemerken. Die aktuelle Debatte im Zuge des Bundeskinderschutzgesetzes hat auch einen großen Vorteil, nämlich dass man die Grenzen der eigenen Verantwortung klarer vor Augen hat. Man hat es jetzt stärker präsent, dass man nicht die gesamte Verantwortung allein trägt. Wir sind vielmehr in der beobachtenden Position und haben die Aufgabe, die verantwortlichen Stellen zu informieren. Wir geben die Verantwortung an einem bestimmten Punkt ab an das Jugendamt, an Schule oder die Eltern. Das ist für mich eine Entlastung und gut für die eigene Seelenhygiene: Ich kann loslassen und abends in mein eigenes Leben gehen.

Ilka Gropler: Mir hilft die gute Atmosphäre in der Einrichtung. Beim Jugendhilfeverbund kann man sich sicher sein, dass die Leitung hinter einem steht. Auch der fachliche Austausch im Team passiert immer auf einer vernünftigen Ebene. Selbst bei schwierigen Fällen und schwerwiegenden Entscheidungen kann ich mich auf die Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen verlassen.

 

Was war ein wichtiges Ereignis oder Erlebnis in Ihrem Leben, privat oder beruflich?

Frauke Frehse-Sevran: Für mich war der Umzug von Bayern nach Berlin sehr wichtig. Dort habe ich zunächst im Wedding in einem Stadtteilladen mit kurdischen und türkischen Familien gearbeitet. Diese Erfahrung war der Auslöser, in die Sozialarbeit zu wechseln, meinen Beruf als Biologielaborantin an den Nagel zu hängen und ein Studium aufzunehmen. Die Arbeit hat mir großen Spaß gemacht. Und das ist bis heute so geblieben.

Jacqueline Malik: Ich habe vor sieben Wochen geheiratet! – Beruflich ist für mich eine besondere Erfahrung, dass ich bei einem tollen Träger arbeite. Ich gehe gern auf Arbeit. Und ich sag immer: „Mit meinem Team würde ich auch beim Discounter arbeiten.“ Man kann sich einfach aufeinander verlassen, man mag sich, ist fürsorglich…einfach eine gute Arbeitsatmosphäre!

Ilka Gropler: Bei mir gibt es kein besonderes Ereignis. Die gesamten letzten zwanzig Jahre waren wichtig für die Entwicklung meiner Persönlichkeit. Ich habe Leute getroffen, die einen weiterbringen. Und Sicherheit geben – das ist für mich das Wichtigste.

 

Ein Blick in die Zukunft. Was wünschen Sie sich für die Kinderschutzarbeit? Haben Sie vielleicht einen Wunsch oder eine Vision?

Frauke Frehse-Sevran: Ich wünsche mir, dass wir im Kinderschutz anders mit Fehlern umgehen. Wenn wirklich mal etwas schiefgeht, dann ist es heute doch so, dass als erstes geguckt wird, wer schuld ist. Eine sachliche Analyse, ohne Schuldzuweisung, findet kaum statt. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das ich nicht nur im Kinderschutz beobachte. Aber hier ist es eine Katastrophe. Denn diese Kultur verhindert eine weitere Entwicklung, die Offenheit mit Fehlern umzugehen und aus ihnen zu lernen.

Jacqueline Malik: Mein Wunsch heißt Gelassenheit für kommende Aufgaben. Ab Januar nächsten Jahres erweitern wir unser Spektrum um eine 24-Stunden-Rufbereitschaft für Potsdam. Bei Kriseneinsätzen werden wir dann von der Polizei dazu geholt, um eine Einschätzung über die häusliche Situation abzugeben: Inobhutnahme – ja oder nein? Damit wird sich einiges für unsere Arbeit ändern. Erstens wird die Atmosphäre grundlegend anders sein, wenn wir direkt in die Familien gehen. Bisher sind die Kinder ja von Dritten zu uns in die Krisenwohnung gebracht worden – von Freunden, Verwandten oder der Polizei. Nicht wir, sondern andere haben entschieden, dass das Kind zu uns kommt. Und zweitens: Man nimmt Bilder mit nachhause: Verwahrloste Haushalte, betrunkene Eltern oder schreiende Kinder, die ihrer Mutter weggenommen werden. Bisher waren das nur gesagte Worte.

Ilka Gropler: Mein Wunsch ist ähnlich. Kinderschutz ist ein Bereich, der sehr stark mit Emotionen behaftet ist. Deshalb wünsche ich mir vor allem Kraft, das weiter gut durchzuhalten. Für unser neues Aufgabenfeld, das Frau Malik beschrieben hat, wünsche ich mir, dass alle beteiligten Bereiche, wie Polizei oder Jugendamt, fair miteinander umgehen und sich gut austauschen. Ein wichtiger Punkt ist dabei zum Beispiel der Umgang mit der Presse. Ich finde es schädlich für unsere Arbeit, wenn jeder Fall von Inobhutnahme sofort am nächsten Tag in der Presse steht. Besonders wenn eine reißerische Geschichte daraus gemacht wird, ohne Rücksichtnahme auf die Schicksale, die dahinter liegen. In Berlin ist es ziemlich schlimm, bei uns in Potsdam ist die Presse zum Glück zurückhaltender. Wir haben auch ein gutes Einverständnis mit der Polizei, dass Informationen nicht sofort an die Presse weitergegeben werden.

 

Nächste Folge

Frauke Frehse-Sevran spielt den Gelben Ball weiter an Dr. Hans-Dirk Lenius, Schulleiter der Grund- und Oberschule Lehnin:

Ich habe den Eindruck, das Thema Kinderschutz und Kindeswohlgefährdung rufen an dieser Schule – wie allgemein an Schulen – Ängste und Unsicherheit hervor.

Frauke Frehse-Sevran will von Dr. Hans-Dirk Lenius wissen:

Welche Auswirkungen hat ein Kinderschutzfall auf den Ablauf in Ihrer Schule?


Interview:
Ina Rieck, Start gGmbH

Foto:
Dennis Sacher, articulabor

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